Der Engelszug

Anatomie einer Farce

Vaterschaft & Elternsein 11. Feb. 2026

Wenn Systeme sich selbst schützen

Ein Folgeartikel zu „Die Unsichtbarkeit von Elternperspektiven"

„Sind wir dazu gemacht, füreinander zu sorgen? Oder ist jeder auf sich allein gestellt?"
— Like Stories of old

Prolog

In meinem vorherigen Artikel „Die Unsichtbarkeit von Elternperspektiven" habe ich beschrieben, wie Eltern in institutionellen Kontexten systematisch unsichtbar gemacht werden. Was ich damals noch nicht wusste: Ich würde genau diese Dynamik nur wenige Wochen später in ihrer reinsten, destilliertesten Form erleben.

Dieser Text ist die Chronologie eines Versuchs. Eines Versuchs, eine Brücke zu bauen, wo nur Mauern stehen sollten. Eines Versuchs, Lösungen anzubieten, wo nur Probleme verwaltet werden. Eines Versuchs, gesehen zu werden, wo man nur unsichtbar sein soll.

Es ist auch die Anatomie eines Scheiterns. Nicht meines Scheiterns als Vater, sondern des Scheiterns eines Systems, das so sehr damit beschäftigt ist, sich selbst zu schützen, dass es vergessen hat, wofür es eigentlich da ist: für die Kinder.


Der Riss in der Matrix

Die Beobachtungen

Es beginnt immer mit einem Gefühl. Einer Irritation. Einem Riss in der Matrix, wie ich es in meinem vorherigen Artikel nannte.

Mein jüngster Sohn, besucht seit einigen Monaten eine Kindertagesstätte in einer kleinen süddeutschen Stadt. Wir sind neu hier. Und wie sind aufmerksam.

Vielleicht zu aufmerksam, würden manche sagen. Aber nach dem, was ich erlebt habe, nach dem Tod meines älteren Sohnes vor acht Jahren, kann ich nicht anders, als hinzusehen. Genau hinzusehen.

Und was ich sehe, beunruhigt mich zutiefst:

Eine Fachkraft begrüßt meinen Sohn regelmäßig nicht mit seinem Namen, sondern nennt ihn „Räuber". Vielleicht liebevoll. Vielleicht im Spiel. Aber als Label. Als Stempel. Ich dokumentiere zehn solcher Vorfälle über einen Zeitraum von drei Wochen.

Als er eines Tages müde ist und sich zum Schlaf im Kindergarten hinlegt, wird er schlafen gelassen – aber mit dem deutlichen Hinweis, dass dies „nicht geht". Vier Tage später, nach einem Wochenende, wird er beim Bringen mit den Worten empfangen: „Mal sehen, ob das heute mit dir klappt" und es wird ihm erklärt, dass Schlafen in der Kita nicht erlaubt sei. Ein müdes Kind wird für ein Grundbedürfnis sanktioniert.

Es gibt wiederholte Konflikte um das Essen. Er berichtet, dass er sein Frühstück nicht essen durfte, weil es als „Süßes" eingestuft wurde. Andere Kinder fordern ihn bereits vor dem Kindergarten auf, „kein Süßes" mitzubringen. Das Thema Ernährung wird moralisiert und instrumentalisiert – und das Kind wird zum Spielball eines Loyalitätskonflikts zwischen elterlicher Fürsorge und institutionellen Regeln.

Hinzu kommt: Es gibt keine Willkommenskultur. Kein „Hallo". Kein „Wie geht es Ihnen von der Leitung?". Keine persönliche Vorstellung. Die Kommunikation ist fast ausschließlich defizitorientiert: Nur negative Rückmeldungen. Nur Probleme. Nie das Positive.

Ich bin nicht nur Vater. Ich bin auch Sozialarbeiter mit über 15 Jahren Berufserfahrung in der Arbeit mit marginalisierten Gruppen. Ich kenne die Mechanismen von Stigmatisierung.

Ich kenne die Sprache der Macht.

Ich kenne die Anfänge destruktiver Ketten.

Der rote Faden

Warum reagiere ich so sensibel? Warum nicht einfach nur zu schimpfen?

Weil ich das schon einmal erlebt habe.

Mein ältester Sohn, nennen wir ihn J., wurde vor 25 Jahren im Kindergarten ebenfalls gelabelt. Als „der Problematische". Als „der Schwierige".

Damals war ich selbst krank. Ich war in einer schwachen Position. Ich hatte keine Stimme. Ich war ohnmächtig.

Ich kämpfte jahrelang gegen ein System, das meinen Sohn aufgegeben hatte. Ein System, das mich als Vater delegitimierte. Ein System, das mich unsichtbar machte.

Der Kampf endete mit dem Tod meines Sohnes an seinem 20. Geburtstag im Jahr 2018.

Die Parallele ist nicht nur ein emotionaler Trigger. Sie ist eine professionelle Heuristik. Ein erlerntes Muster, das mich alarmiert.

Ich weiß: Das Label „Räuber" ist nicht nur ein Wort. Es ist der Anfang einer Kette. Einer Kette von Stigmatisierung, Ausgrenzung und institutionellem Versagen.

Ich habe mir nach dem Tod meines Sohnes geschworen:

Nie wieder ohnmächtig zusehen.

Aber noch viel wichtiger

Nie wieder zu kämpfen!

Deshalb handle ich jetzt. Nicht aus Trauma. Sondern aus bitter erkaufter Kompetenz.


Der Versuch, eine Brücke zu bauen

Die Äußerung von Bedenken

Am 26. Januar 2026 schreibe ich eine detaillierte E-Mail an die Leitung der Einrichtung. Ich tue, was ein professioneller Vater tut: Ich dokumentiere. Ich analysiere. Und ich äußere Bedenken.

Die E-Mail ist sachlich. Sie ist detailliert. Sie zitiert rechtliche Grundlagen: Die UN-Kinderrechtskonvention (Art. 8: Recht auf Identität), das Kindergartengesetz Baden-Württemberg, die Qualitätsstandards der katholischen Trägerverbände.

Ich benenne die Vorfälle konkret:

Die wiederholte Ansprache als „Räuber" – dokumentiert an zehn Tagen mit exakten Zeitangaben. Die Sanktionierung des Schlafbedürfnisses. Die Problematisierung des Essens und die Erzeugung von Loyalitätskonflikten.

Ich schreibe explizit:

„Dies ist eine Äußerung von Bedenken. Ich schätze die Arbeit der Fachkräfte grundsätzlich und sehe hier dringenden Klärungsbedarf, um die pädagogische Qualität und das Wohl meines Sohnes sicherzustellen."

Ich bitte um einen zeitnahen Termin.

Die Antwort kommt einen Tag später. Kurz. Formell. Die Leitung schreibt, sie habe meine „Beschwerde" zur Kenntnis genommen und an den Träger weitergeleitet. Ein Termin würde „zeitnah" folgen.

Dann: 14 Tage Funkstille.

14 Tage, in denen nichts passiert. Keine Nachfrage. Keine Klärung. Keine Reaktion.

Das Lösungsangebot

In diesen 14 Tagen der Stille tue ich etwas Unerwartetes.

Ich werde nicht wütend. Ich werde produktiv.

Ich analysiere die Situation. Ich sehe den Fachkräftemangel. Ich sehe die Überforderung. Ich sehe die Systemkrise.

Und ich entwickle ein Konzept. Ein komplettes, unentgeltliches Konzept zur Lösung der Personal- und Kulturkrise.

Nicht digital. Nicht kompliziert. Sondern praxisorientiert.

Das Konzept umfasst:

  • Eine umfassende Analyse der Einrichtung, basierend auf öffentlich verfügbaren Konzepten anderer Kindergärten und den publizierten Daten der Diözese
  • Eine Strategie zur Aktivierung der Zivilgesellschaft: Lesepaten, Backhelfer, Garten-AGs – Strukturen für bürgerschaftliches Engagement, um die Fachkräfte von nicht-pädagogischen Aufgaben zu entlasten
  • Fertige Förderanträge für die finanzielle Umsetzung innerhalb der diözesanen Strukturen

Es ist ein Geschenk. Eine Blaupause. Sofort umsetzbar. Ohne mich.

Ich will zeigen: Ich will helfen. Ich will nicht kämpfen.

Ich drucke vier Mappen aus. Professionell gebunden. Eine für die Leitung. Eine für die stellvertretende Leitung. Eine für den Träger. Eine für mich.

Ich bin bereit für das Gespräch.

Das Gespräch vom 10. Februar 2026

Der Termin findet am 10. Februar statt. Nur die Leitung und die stellvertretende Leitung sind anwesend. Der Träger ist nicht da. Die betreffende Fachkraft ist nicht da.

Ich habe ein Skript vorbereitet. Einen klaren Plan, wie ich das Gespräch führen will:

Zuerst Deeskalation und Brückenbau. Ich will betonen, dass ich nicht anklage. Dass ich die Fachkräfte schätze. Dass ich eine Lösung finden möchte.

Ich erzähle von meinem verstorbenen Sohn. Nicht als Drama. Sondern als Akt der Verletzlichkeit. Als Brücke. Um zu zeigen: Ich verstehe den Schmerz. Ich bin einer von euch. Ich habe das schon mal erlebt.

Dann passiert etwas, das ich nicht erwartet habe.

Akt 1: Pathologisierung

Die Atmosphäre kippt. Ich merke sofort: Meine Verletzlichkeit wird nicht als Brücke verstanden. Sie wird als Waffe gegen mich benutzt.

Später höre ich mich selbst in meinem später angefertigten Protokoll sagen:

„Dann war ich recht schnell in der traumatisierten Vaterecke."

Ich werde zum „traumatisierten Vater" gelabelt. Meine Sorgen werden nicht als legitim behandelt, sondern als Symptom meines Traumas abgetan.

Ich werde delegitimiert. Entwertet. Unsichtbar gemacht.

Die Ironie ist bitter: Ich wollte durch meine Geschichte Empathie schaffen. Stattdessen wird sie benutzt, um meine Kompetenz infrage zu stellen.

Akt 2: Personalisierung

Ich versuche, die Diskussion auf eine systemische Ebene zu heben. Ich erkläre mehrmals, dass es mir nicht um die einzelnen Fachkräfte geht, sondern um die fehlende Kultur in der Einrichtung.

„Ich habe gesagt, ich kenne sie doch gar nicht. Was soll ich denn gegen sie haben? Ich habe gesagt, für mich ist das einfach nur eine Kultur, die hier herrscht oder eine fehlende Kultur."

Aber es nützt nichts. Die Leitung fühlt sich persönlich angegriffen. Sie versteht Systemkritik als persönlichen Angriff. Als Inkompetenz-Unterstellung.

Ich kritisiere die ineffektiven Maßnahmen: Die Personalampel auf Rot an der Eingangstür. Die deprimierenden E-Mails an die Eltern. Die Instagram-Posts, die niemanden erreichen.

„Sie waren einfach alle persönlich angepisst [...] den letzten Teil, den haben die echt nur als Angriff gewertet und sind sofort in eine Defensivhaltung gegangen."

Der Rolladen geht runter. Keine Diskussion mehr möglich.

Akt 3: Ablehnung

Dann kommt der Moment, auf den ich die ganzen zwei Wochen hingearbeitet habe. Ich biete mein Konzept an. Das Geschenk. Die Lösung.

„Ich habe gesagt, ich mag ihnen doch helfen und habe dann gesagt, wir haben ein Konzept geschrieben... und dann war Ende."

Ich reiche die Mappen über den Tisch. Vier professionell gebundene Mappen. Ein komplettes, kostenloses Konzept.

Die Leitung nimmt sie nicht an.

Kategorisch. Physisch. Ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen.

„Sie wollten das alles gar nicht sehen, was ich für sie vorbereitet habe."

In diesem Moment verstehe ich: Es geht nicht um Lösungen. Es geht um Macht.

Die Annahme von Hilfe hätte ein Eingeständnis von Hilflosigkeit bedeutet. Und das ist für ein gekränktes Ego unerträglich.

Die Ablehnung ist ein Akt der Statuswahrung. Selbst um den Preis des Scheiterns.

Akt 4: Täter-Opfer-Umkehr

Als die Leitung merkt, dass ich nicht einfach gehe, greift sie zum letzten Mittel: der Täter-Opfer-Umkehr.

„Haben sie mir gesagt, ich hätte das auch alles mit der Frau R. direkt klären können."

Ich bin verwirrt. Ich habe eine formelle E-Mail an die Leitung geschrieben, wie es üblich und professionell ist. Aber jetzt wird mir vorgeworfen, ich hätte den „Dienstweg" nicht eingehalten?

Ich antworte:

„Ja, wo denn? Ich habe gesagt, es gibt doch gar keinen Rahmen dafür, für Tür- und Angelgespräche. [...] Da komme ich als Externer an und sag was zu einer Fachkraft. Ich habe gesagt, das ist ja nicht gerade, besonders mit meinem Hintergrund, ist es ja nicht gerade ein Pappenstiel."

Aber es interessiert nicht. Die Leitung flüchtet sich in Formalitäten. Der Fokus wird komplett vom Inhalt (Lösung) auf die Form (Prozess) gelenkt.

Und dann kommt der finale Schlag: Die Leitung instrumentalisiert die abwesende Fachkraft. Sie sagt, Frau R. fühle sich durch meine E-Mail verletzt.

Ich werde zum Täter gemacht. Die Leitung stilisiert sich und ihre Mitarbeiterin zum Opfer.

Das Gespräch ist zu Ende. Nicht weil eine Lösung gefunden wurde. Sondern weil das System sich geschlossen hat.

Der Abgang

Ich gehe.

Als ich nach unten komme, steht Frau R. bei meinem Sohn. Ich entschuldige mich bei ihr. Ich sage, ich wollte nicht, dass es so kommt. Ich wollte einfach nur reden. Ich wollte helfen.

„Sie wollte dann die Mappen auch nicht und dann bin ich gegangen und auch hier waren wieder Eltern und genau das ist das, was ich eigentlich alles nicht wollte."

Ich bin gescheitert. Nicht als Vater. Sondern als jemand, der glaubte, ein System könne sich ändern wollen.


Die Anatomie des Scheiterns

Was ist hier wirklich passiert?

Ein Vater, der helfen wollte, wurde als Feind behandelt.

Eine Lösung, die angeboten wurde, wurde als Angriff verstanden.

Ein System, das krank ist, hat die Medizin abgelehnt.

Warum?

Weil dysfunktionale Systeme nicht darauf ausgelegt sind, Probleme zu lösen. Sie sind darauf ausgelegt, sich selbst zu erhalten.

Jede Veränderung ist eine Bedrohung. Jede Hilfe von außen ist eine Kritik. Jede Wahrheit ist ein Angriff.

Die Leitung hat nicht als Pädagogin gehandelt. Sie hat als Systemerhalterin gehandelt.

Die vier Abwehrmechanismen

Wenn ich das Gespräch analysiere – mit dem professionellen Blick des Sozialarbeiters, nicht mit dem emotionalen des Vaters – sehe ich ein klares Muster:

1. Pathologisierung: Der „traumatisierte Vater" wird zum Label, das alle Argumente entwertet. Es ist nicht mehr nötig, sich mit den Inhalten zu befassen, wenn man den Überbringer der Nachricht delegitimieren kann.

2. Personalisierung: Systemkritik wird als persönlicher Angriff umgedeutet. Die Leitung stilisiert sich zum Opfer und macht eine sachliche Diskussion unmöglich.

3. Ablehnung: Das Lösungsangebot wird kategorisch zurückgewiesen, weil es ein Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit bedeuten würde. Das Ego steht über der Sache.

4. Täter-Opfer-Umkehr: Die Verantwortung wird durch Verweis auf angebliche Formfehler auf den Kritiker abgewälzt. Eine abwesende Person wird als Schutzschild instrumentalisiert.

Dies ist das Standard-Repertoire dysfunktionaler Systeme. Ich habe es in 15 Jahren Sozialarbeit hundertfach gesehen. In Behörden. In Einrichtungen. In Organisationen.

Aber es zu erkennen, macht es nicht weniger schmerzhaft.

Die systemische Dimension

Es wäre zu einfach, dies als Geschichte einer unfähigen Leitung zu erzählen. Das wäre eine weitere Personalisierung.

Die Wahrheit ist komplexer:

Die Leitung ist selbst Teil eines Systems, das sie überfordert. Der Fachkräftemangel ist real. Die Überlastung ist real. Der Druck von oben ist real.

Aber anstatt diese Realität anzuerkennen und Hilfe anzunehmen, reagiert das System mit Abwehr. Mit Selbstschutz. Mit Erstarrung.

Die Leitung hat Angst. Angst vor Kontrollverlust. Angst vor Statusverlust. Angst davor, dass die Fassade bröckelt.

Rebecca Solnit nennt dies in ihrem Buch „A Paradise Built in Hell" „Elite Panic" – die Angst der Machthabenden vor dem Verlust der Kontrolle, wenn die Menschen anfangen, selbst zu handeln.

Mein Lösungsangebot war genau das: Ein Akt des selbstständigen Handelns. Ein Akt, der die Kompetenz der Leitung infrage stellte, ohne es zu wollen. Und genau deshalb musste es abgelehnt werden.

Die Frage der Schuld

Wer trägt die Schuld an diesem Scheitern?

Ich habe lange darüber nachgedacht. Und ich komme zu dem Schluss: Die Frage nach Schuld ist die falsche Frage.

Die richtige Frage ist: Wer trägt die Verantwortung?

Und da wird es kompliziert.

Die Fachkraft, die meinen Sohn „Räuber" nennt? Sie ist überlastet. Unterbezahlt. Möglicherweise selbst nicht ausreichend geschult in wertschätzender Kommunikation.

Die Leitung, die mein Angebot ablehnt? Sie ist eingebettet in ein System, das keine Fehler verzeiht. Das keine Schwäche erlaubt. Das auf Kontrolle und Hierarchie aufbaut.

Der Träger, der nicht zum Gespräch erscheint? Er ist Teil einer großen Diözese, die mit hunderten Einrichtungen jongliert und den Überblick längst verloren hat.

Die Verantwortung ist diffus. Und genau das ist das Problem.

Wenn niemand wirklich verantwortlich ist, ist niemand wirklich handlungsfähig.

Und die Kinder? Die fallen durch die Ritzen.


Die Entscheidung

Eskalieren oder loslassen?

Nach dem Gespräch stehe ich vor einer Wahl:

Option 1: Eskalieren. Ich habe einen umfassenden Bericht vorbereitet. Mit Analyse. Mit rechtlicher Einordnung. Bereit, an den Generalvikar der Diözese geschickt zu werden.

Option 2: Loslassen. Akzeptieren, dass das System nicht gerettet werden will. Die Energie anderswo investieren.

Ich wähle beides.

Ich entscheide mich für das Loslassen. Aber mit Würde.

Ich schreibe den Bericht fertig. Nicht um ihn abzuschicken. Sondern um Zeugnis abzulegen. Um zu dokumentieren, was passiert ist. Um eine Versicherung zu haben, falls es nötig werden sollte.

Ich archiviere alles digital. Sauber strukturiert. Vollständig. Abrufbar.

Und dann tue ich etwas Symbolisches:

Ich schreddere die gedruckten Mappen. Ich gebe sie meinen Kompostwürmern. Ich verwandle das Papier in Erde.

Aus dieser Erde werde ich etwas pflanzen. Etwas, das wächst. Etwas, das lebt.

Viktor Frankl schreibt in „Trotzdem Ja zum Leben sagen":

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen, die man nicht ändern kann."

Ich kann das System nicht ändern. Aber ich kann meine Haltung dazu ändern.

Was ist mit meinem Sohn?

Die Frage, die bleibt: Bringen wir ihn weiterhin in diese Einrichtung?

Ja.

Warum?

Weil wir den Menschen vertrauen. Nicht dem System. Aber den Menschen.

Rutger Bregman schreibt in „Im Grunde gut", dass die meisten Menschen im Kern gut sind. Dass sie Gutes tun wollen. Dass sie nur oft in Systemen gefangen sind, die das verhindern.

Ich glaube daran. Wir glauben daran.

Ich bringe meinen Sohn weiter in die Einrichtung. Aber ich bin nicht mehr naiv.

Ich beobachte. Aktiv. Ich stelle Fragen. Ich bleibe präsent. Ich bleibe sichtbar.

Es ist ein Tanz zwischen Vertrauen und Kontrolle.

Ich vertraue den Menschen. Aber ich kontrolliere das System.

Ich hoffe auf das Beste. Aber ich bin auf das Schlimmste vorbereitet.

Das ist nicht zynisch. Das ist realistisch.


Die Transformation

Vom Schweigen zum Sprechen

Aber das Loslassen ist nicht das Ende. Es ist der Anfang.

Denn nach dem Tod meines ersten Sohnes habe ich gelernt: Der größte Fehler, den man machen kann, ist zu schweigen.

Schweigen bedeutet Zustimmung. Schweigen bedeutet, dass sich nichts ändert. Schweigen bedeutet, dass die nächste Familie, der nächste Vater, die nächste Mutter dasselbe durchmachen wird.

Also spreche ich.

Ich verwandle meine Erfahrung in Hilfe für andere.

Ich schreibe diesen Artikel. Ich teile ihn öffentlich. Ich sage:

„Fickt euch alle. Ich bin ab sofort da, wo man mich schätzt."

Das ist keine Provokation. Das ist eine Befreiung.

Ich gehe dorthin, wo meine Stimme gehört wird. Wo meine Expertise geschätzt wird. Wo ich nicht unsichtbar bin.

Ich baue meinen eigenen Raum.

Die Utopie des Aufbaus

Rebecca Solnit schreibt in „A Paradise Built in Hell" über die außergewöhnlichen Gemeinschaften, die in Katastrophen entstehen:

„Die Utopie, von der wir träumen, ist bereits hier. Sie liegt wartend im Schatten und erhebt sich, wenn wir sie am meisten brauchen."

Diese Erfahrung – dieses Scheitern – war meine Katastrophe. Und aus ihr entsteht etwas Neues.

Ich hörte auf zu kämpfen. Und ich fing an zu bauen.

Ich baue Plattformen für Eltern, für Unsichtbare, für Ungesehene, Ungehörte und Unerhörte.

Ich teile Strategien. Ich teile Konzepte. Ich teile Wissen.

Nicht aus Rache. Sondern aus Fürsorge.

Denn wenn das System meine Hilfe nicht will, gibt es andere, die sie brauchen.

Die Transformation des Schmerzes

Viktor Frankl schreibt:

„Wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, muss auch Leiden einen Sinn haben."

Der Sinn meines Leidens – des Todes von J., des Scheiterns in dieser Einrichtung – ist nicht die Kapitulation.

Der Sinn ist die Transformation.

Aus dem Schmerz um J. entstand meine Kompetenz als Sozialarbeiter. Meine Sensibilität für Stigmatisierung. Meine Fähigkeit, Muster zu erkennen.

Aus dem Scheitern in dieser Einrichtung entsteht dieser Text. Dieser Artikel. Diese Stimme.

Ich verwandle das Leiden in Sinn. Ich verwandle die Ohnmacht in Handlungsfähigkeit. Ich verwandle das Schweigen in Sprechen.


Epilog

Dieser Text ist für euch.

Für die unsichtbaren Väter. Für die ungehörten Mütter. Für alle, die gegen Mauern rennen.

Ich möchte euch sagen:

Ihr seid nicht allein.

Was ihr erlebt, ist real. Eure Wahrnehmung ist legitim. Eure Sorgen sind berechtigt.

Ihr seid nicht „traumatisiert", wie man euch vielleicht sagt. Ihr seid kompetent. Eure Vorerfahrungen sind keine Schwäche – sie sind eure Stärke.

Ihr seid nicht zu sensibel. Das System ist zu dysfunktional.

Dokumentiert alles ohne Drama. Jede Beobachtung. Jede E-Mail. Jede Reaktion. Und jede Nicht-Reaktion. Dokumentiert das Schöne, das Wertvolle. Und das nicht so tolle.

Bietet Lösungen an. Zeigt, dass ihr konstruktiv seid. Aber erwartet nicht, dass sie angenommen werden.

Erkennt die Abwehrmechanismen: Pathologisierung. Personalisierung. Ablehnung. Täter-Opfer-Umkehr.

Und dann entscheidet:

Kämpfen oder loslassen?

Beides ist legitim. Beides braucht Mut.

Aber wenn ihr loslasst: Lasst mit Würde los.

Archiviert. Transformiert. Pflanzt etwas.

Und vor allem: Schweigt nicht.

Findet eure Leute. Findet euren Raum. Findet eure Stimme.

Geht dorthin, wo ihr geschätzt werdet. Geht dorthin, wo ihr gehört werdet. Geht dorthin, wo ihr sichtbar seid.

Baut eure eigenen Systeme. Eure eigenen Gemeinschaften. Eure eigenen Utopien.

Denn wie Solnit sagt: Die Utopie ist bereits hier. Sie wartet nur darauf, dass wir sie bauen.

Laut. Ungefiltert. Echt.


Literaturverweise

Bregman, Rutger (2019): Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit. Rowohlt Verlag.

Frankl, Viktor E. (1946/2009): Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Kösel-Verlag.

Solnit, Rebecca (2009): A Paradise Built in Hell: The Extraordinary Communities That Arise in Disaster. Viking Press.


Über den Autor

Marc Hasselbach ist Sozialarbeiter (B.A. Sozialpädagogik/Soziale Arbeit, M.A. Medien- & Bildungsmanagement) mit über 15 Jahren Berufserfahrung in der Arbeit mit marginalisierten Gruppen. Er ist Vater, Blogger und Podcaster. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich der digitale Teilhabe.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über Elternperspektiven in institutionellen Kontexten.

Kontakt & weitere Artikel:
https://marchasselbach.wtf

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Marc

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