Die Veilchen blühen

Vaterschaft & Elternsein 17. Feb. 2026

Ein Essay über Loslassen und Aufbauen

Es war 2002. Ich war in einer anthroposophischen Langzeittherapie. Mein Ausweg aus der Sucht. Mein Versuch, ein neuer Mensch zu werden. Mein Sohn Julian war damals noch klein und besuchte mich dort.

Wir spielten Tennessee Williams’ surrealistisches, fiebriges Stück „Camino Real“. Ich spielte Don Quijote.

Ich hatte die Rolle nicht gesucht. Irgendwie finden die Rollen den Menschen. Nicht anders rum.

Damals verstand ich nicht, warum diese Rolle mich so tief berührte. Ich verstand nicht, warum die Figur des ewigen Idealisten, der gegen Windmühlen kämpft und am Ende besiegt am Boden liegt, eine so unheimliche Resonanz in mir auslöste. Ich verstand nicht, warum seine letzten Worte, bevor er in die Terra Incognita, das unbekannte Land, aufbricht, sich in meine Seele brannten.

Heute, 24 Jahre später, verstehe ich es.

Ich bin Don Quijote. Ich habe wieder gegen Windmühlen gekämpft. Ich wurde wieder besiegt. Und jetzt stehe ich wieder auf.

Nicht, um weiterzukämpfen. Sondern, um weiterzugehen.

In die Terra Incognita.

„Don’t pity me. The violets are in bloom.“

Der Camino Real (deutsch Königsweg) ist bei Tennessee Williams ein Ort, von dem es kein Entkommen gibt. Ein staubiger Platz am Ende der Welt, an dem verlorene Seelen gestrandet sind. Ein System, das sich selbst erhält, regiert von zynischen Aufsehern, die jede Hoffnung im Keim ersticken. Eine Farce, die sich endlos wiederholt. Es ist, wie eine der Figuren sagt, „the end of the road and the beginning of the road“. Ein Ort, an dem die Zeit stillsteht und die Zukunft ein geschlossener Raum ist.

Ich habe diesen Ort wiedererlebt. Ich nenne ihn: Das System.

Es ist das System, das in meinem zweiten Essay, „Anatomie einer Farce“, beschrieben wird. Ein System, das in einem Kindergarten, einer Schule, einer Behörde, einer Kirche existieren kann. Ein System, das, wenn es mit Kritik konfrontiert wird, nicht reflektiert, sondern sich verteidigt. Ein System, dessen oberste Priorität nicht der Mensch ist, sondern der eigene Erhalt.

Wie Don Quijote bin ich in diesen Camino Real geritten, bewaffnet mit dem naiven Glauben an das Gute, an die Vernunft, an die Kooperation. Ich sah die Windmühlen – die Stigmatisierung meines Sohnes, die defizitorientierte Kommunikation, die Überlastung der Fachkräfte – und ich glaubte, ich könnte sie besiegen.

Ich schrieb eine sachliche E-Mail. Ich bot ein umfassendes, unentgeltliches Lösungskonzept an. Ich führte ein Gespräch, in dem ich die Fachkräfte schützte und die Probleme als systemisch rahmte. Ich glaubte, wie Rutger Bregman, dass die meisten Menschen im Grunde gut sind und dass Kooperation der Schlüssel ist. Ich glaubte, wie Rebecca Solnit in „Ein Paradies in der Hölle“ schreibt, dass in der Krise nicht das Tier im Menschen zum Vorschein kommt, sondern seine Fähigkeit zur Empathie, zum Mut, zur Zusammenarbeit.

Ich war Don Quijote. Ich war der Idealist. Ich war der Narr.


Der Camino Real schlug zurück. Nicht mit Argumenten. Sondern mit den Waffen des Systems. Mit den „Streetcleaners“, den stummen, gesichtslosen Müllmännern aus Williams‘ Stück, die kommen, um die zu beseitigen, die nicht mehr ins System passen.

Die Pathologisierung: Ich war nicht mehr ein besorgter Vater, sondern ein „traumatisierter Vater“. Meine Kritik war nicht mehr sachlich, sondern das Symptom meiner Verletzlichkeit. Man versuchte, mich zu einem Fall für die Akten zu machen, nicht zu einem Partner im Dialog.

Die Manipulation: Man versuchte, mir die Schuld am (behaupteten) schlechten Befinden einer abwesenden Mitarbeiterin zu geben, um mich moralisch unter Druck zu setzen. Ein klassischer Schachzug, um den Fokus vom Problem auf die Person zu lenken.

Die Täter-Opfer-Umkehr: Ich, der um einen Dialog bat, wurde zum Verhinderer des Dialogs erklärt. Mein Lösungsangebot wurde kategorisch und physisch zurückgewiesen, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen.

Am Ende lag ich am Boden. Nicht, weil meine Argumente schlecht waren. Sondern, weil das System keine Argumente braucht. Das System braucht nur Macht. Und die hat es. Ich erkannte die schmerzhafte Wahrheit: Der Kampf ist sinnlos. Das System wird sich nicht ändern. Je heftiger die Kritik, desto stärker die Abwehr. Wenn ich mit einem Anwalt komme, kommen sie mit zwei. Das System hat mehr Zeit, mehr Geld, mehr Macht. Es kann mich aussitzen. Es kann mich zermürben. Es kann mich brechen.

Das ist die Anatomie der Farce. Das ist die Niederlage des Don Quijote.


In diesem Moment der Niederlage, in dem die Farce sich in ihrer ganzen Absurdität zeigt, geschieht die Transformation. Es ist der Moment, den Viktor Frankl beschreibt, der selbst die Hölle eines Konzentrationslagers überlebt hat:

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen, die man nicht ändern kann.“

Ich kann das System nicht ändern. Ich kann die Leitung nicht zur Reflexion zwingen. Ich kann die Kultur nicht heilen.

Aber ich kann meine Einstellung dazu ändern.

Ich kann aufhören zu kämpfen.

Das ist nicht Aufgeben. Das ist Loslassen.

Aufgeben bedeutet, im Camino Real zu bleiben, zynisch zu werden, die Hoffnung zu verlieren. Loslassen bedeutet, den Camino Real zu verlassen. Es bedeutet, die Energie, die ich im sinnlosen Kampf verschwende, in etwas Neues zu investieren. Es ist die Erkenntnis, dass wahre Stärke nicht im Kampf liegt, sondern in der Fähigkeit, einen neuen Weg zu wählen.

Es ist die Entscheidung, nicht mehr auf die verdorrten Blumen am Wegesrand zu starren, sondern die Augen zu heben und zu erkennen: Anderswo blühen die Veilchen.

„Don’t pity me. The violets are in bloom.“

Diese Erkenntnis ist keine naive Hoffnung. Es ist eine bewusste Entscheidung. Es ist eine Praxis. Es ist die Entscheidung, nicht mehr gegen die Windmühlen zu kämpfen, sondern die Energie des Windes zu nutzen, um ein eigenes Segel zu setzen.


Am Ende von „Camino Real“ verlässt Don Quijote den staubigen Platz und geht in die Terra Incognita, das unbekannte Land. Er weiß nicht, was ihn erwartet. Aber er geht.

Das ist der Aufbau.

Der Aufbau ist meine Terra Incognita. Es ist das, was ich tue, anstatt zu kämpfen. Es ist das, was ich schaffe, anstatt zu zerstören. Es ist das, was ich baue, parallel zum System, das sich nicht ändern will.

Und der Aufbau ist nicht abstrakt. Er ist konkret. Er ist überall.

Im Förderverein der Grundschule engagiere ich mich für die Bildung der Kinder. Nicht, weil ich gegen das Schulsystem kämpfe, sondern weil ich für die Gemeinschaft baue.

Bei ZenDiT arbeite ich an der digitalen Transformation für das Gemeinwohl. Nicht, weil ich gegen die Digitalisierung kämpfe, sondern weil ich für eine menschliche, dezentrale Technologie baue.

Bei Q3 baue ich an einer exemplarischen Onlineberatungsstelle im Darknet. Für die, die Anonymität brauchen. Für die, die sonst keine Hilfe bekommen. Für die Vulnerablen. Nicht, weil ich gegen das System kämpfe, sondern weil ich Schutz schaffe, wo er am meisten gebraucht wird.

Beim digitales-beratungsbuero.de schaffe ich Räume für sichere Beratung.

Bei Schulfesten bin ich präsent, feiere mit, schaffe Gemeinschaft. Nicht, weil ich gegen die Isolation kämpfe, sondern weil ich Verbindung baue.

Im Schrebergarten pflanze ich, pflege ich, lasse wachsen. Nicht, weil ich gegen die Natur kämpfe, sondern weil ich mit ihr baue.

Beim Grillen für Freunde koche ich, erzähle ich, lache ich. Nicht, weil ich gegen die Einsamkeit kämpfe, sondern weil ich Freundschaft lebe.

Das ist der Aufbau. Nicht groß und heroisch. Sondern klein und alltäglich. Nicht gegen etwas. Sondern für etwas. Im Sichtbaren und im Verborgenen. Im Hellen und im Dunklen. Überall, wo Hilfe gebraucht wird.

Mein Blog (marchasselbach.wtf) ist die Karte für diese Terra Incognita. Hier dokumentiere ich die Reise, analysiere die Systeme, teile die Erkenntnisse. Es ist der Versuch, eine Sprache zu finden für die Unsichtbarkeit, die Farce und das Loslassen.

Mein Podcast („Der ungefilterte Kanal“) ist meine Stimme in diesem unbekannten Land. Hier erzähle ich die Geschichten und teile die Emotionen. Es ist der Versuch, eine Welt zu schaffen für die anderen Don Quijotes, die ebenfalls erkannt haben, dass der Kampf sinnlos ist – aber der Aufbau nicht.

Das ist die Hoffnung, von der Rebecca Solnit in „Hoffnung in der Dunkelheit“ spricht:

„Hoffnung ist keine Lotteriekarte, auf der man auf dem Sofa sitzen und sie umklammern kann, um sich glücklich zu fühlen. Sie ist eine Axt, mit der man im Notfall Türen einschlägt.“

Der Aufbau ist diese Axt. Nicht, um die Türen des Systems einzuschlagen – das wäre wieder Kampf. Sondern, um die Türen zu neuen Räumen zu öffnen. Zu neuen Möglichkeiten. Zur Terra Incognita.


Die Veilchen blühen

Ich habe das Protokoll der Einrichtung nicht unterschrieben. Ich habe stattdessen einen kurzen, höflichen Brief geschrieben, in dem ich festhielt, dass ich es nicht unterschreiben kann, da es den Gesprächsverlauf unvollständig wiedergibt. Ich habe geschrieben, dass für mich das Thema erledigt ist und dass meine Priorität das Wohlbefinden meines Sohnes ist. Ich habe einen Neustart angeboten.

Ich habe losgelassen.

Ich erwarte keine Antwort. Ich erwarte keine Entschuldigung. Ich erwarte keine Veränderung.

Ich erwarte nichts mehr vom Camino Real.

Meine Energie gehört der Terra Incognita. Dem Aufbau. Der Zukunft.

Ich weiß nicht, was mich dort erwartet. Es ist unbekanntes Land. Es ist vielleicht gefährlich. Es ist vielleicht einsam. Aber es ist frei. Und es ist voller Möglichkeiten. Es ist, wie Rebecca Solnit schreibt, eine Dunkelheit, die „ebenso sehr die Dunkelheit des Mutterleibes wie die des Grabes“ ist. Eine Dunkelheit, aus der Neues geboren werden kann.

Das ist das Ende der Trilogie. Aber es ist nicht das Ende meiner Stimme. Ich werde weiter schreiben. Ich werde weiter sprechen. Ich werde weiter aufbauen.

Nicht mehr für das System. Sondern für die Zukunft.

Für Eloas. Für Hanna. Für alle Kinder, die nach ihnen kommen.

Das ist „Der ungefilterte Kanal“. Das ist die Terra Incognita.

Don’t pity me. The violets are in bloom.

p.s. Während ich diese Zeilen schreibe, meldet sich ein anderer Teil des "Systems" per Telefon und fragt nach Hilfe. Die Macht des Loslassens in Echtzeit.

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Marc

Irgendwas geht immer