Rote Wut
Das Gesicht im Spiegel
Es gibt einen Moment, den ich kenne und den ich gleichzeitig nicht kenne.
Ich stehe vor dem Spiegel. Mein Gesicht gehört mir, aber es sieht mich nicht an. Es ist rot. Nicht das sanfte Rosa eines langen Sommertags, nicht die Röte nach einem langen Lauf durch den Wald. Es ist das tiefe, fast violette Rot von etwas, das sich innen zusammenballte, lange bevor ich es bemerkt habe. Meine Kiefermuskeln sind so fest angespannt, dass ich die Zähne kaum auseinanderbekomme. Meine Hände zittern leicht – nicht aus Angst, sondern aus überschüssiger Energie, die keinen Ausweg findet. Und irgendwo in meiner Brust, genau dort, wo ich mir als Kind immer vorgestellt habe, dass das Herz sitzt, pocht etwas so laut und hart, als wolle es durch die Rippen brechen.
Das bin ich. In der roten Wut.
Ich bin 50 Jahre alt. Ich bin Sozialarbeiter. Ich habe fünfzehn Jahre damit verbracht, anderen Menschen zu helfen, ihre Emotionen zu verstehen, ihre Muster zu erkennen, aus destruktiven Kreisläufen herauszukommen. Ich habe Bücher gelesen. Ich habe Therapie gemacht. Ich habe nach dem Tod meines Sohnes Julian gelernt, was Verlust wirklich bedeutet – nicht als Konzept, sondern als tägliche Realität. Ich habe gelernt, wie man atmet, wenn alles zusammenbricht.
Und trotzdem: Ich stehe oft vor dem Spiegel, und ich erkenne mich nicht.
Das ist das Paradoxon der roten Wut. Man weiß alles darüber. Und es hilft einem herzlich wenig, wenn sie da ist.
Was die rote Wut wirklich ist
Die Biologie des Feuers
Ich fange dort an, wo ich mich am sichersten fühle: bei den Fakten.
Der Name kommt nicht nur von der Farbe, die wir kulturell mit Aggression verbinden. Er kommt von dem, was im Körper wirklich passiert. Der Blutdruck steigt so schnell und so massiv, dass sich das Blut buchstäblich ins Gesicht drängt. Die Nebennieren schütten Adrenalin und Cortisol aus, als wäre das Leben in akuter Gefahr. Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, der Körper bereitet sich vor auf das, wofür er seit Jahrmillionen gebaut wurde: kämpfen oder fliehen.
Und der präfrontale Cortex – der Teil des Gehirns, der für Vernunft, Planung, für das Abwägen von Konsequenzen zuständig ist – der zieht sich zurück. Nicht weil er schwach wäre. Sondern weil das Gehirn in diesem Moment entschieden hat, dass keine Zeit für Vernunft ist. Das ist kein Fehler im System. Das ist das System. Millionen Jahre alt. Perfekt für die Savanne. Weniger perfekt für ein Gespräch mit einer Kindergartenleitung.
Ich habe das alles gelernt. In der Ausbildung. In Büchern. In Fortbildungen. Ich kann es erklären, ich kann es anderen Menschen erklären, ich kann Handlungsstrategien entwickeln.
Und dann passiert es trotzdem.
Das ist das Erste, was ich über die rote Wut sagen möchte: Sie interessiert sich nicht für dein Wissen über sie. Sie ist älter als alle Konzepte, die wir je entwickelt haben, um sie zu verstehen.
Der Unterschied zwischen Ärger und roter Wut
Es gibt Ärger, und es gibt rote Wut. Das ist nicht dasselbe, und ich finde es wichtig, das auseinanderzuhalten.
Ärger ist, wenn jemand in der Schlange vordrängt und ich denke: Das ist unverschämt. Ärger ist laut sein, kurz sein, und dann wieder leiser werden, wenn der Auslöser weg ist. Ärger ist ein Gefühl, das ich habe.
Rote Wut ist ein Zustand, der mich hat.
Das ist der Unterschied. Beim Ärger bin ich noch der Fahrer. Bei der roten Wut hat jemand anderes das Steuer übernommen, und ich sitze hinten und schaue durch ein beschlagenes Fenster zu, was da vorne passiert. Ich sehe es. Ich kann es beschreiben. Ich kann manchmal sogar im Nachhinein Schritt für Schritt rekonstruieren, wie es dazu kam. Aber in dem Moment selbst – in dem Moment bin ich mitgerissen.
Was mich an der roten Wut unterscheidet von dem, was ich über andere Menschen in diesem Zustand lese, ist folgendes: Ich werde nicht gewalttätig. Das ist nicht Selbstlob, das ist nur die Art, wie es bei mir aussieht. Bei anderen sieht es anders aus, und das macht es nicht besser oder schlechter, nur anders.
Bei mir sieht es so aus: Ich werde sehr still. Sehr präzise. Meine Stimme wird kälter, nicht lauter. Ich sage Dinge, die ich genau weiß, wie sie wirken werden. Worte, die ich gewählt habe wie ein Skalpell. Das ist, in gewisser Weise, noch gefährlicher als das Schreien. Weil es nach Kontrolle aussieht. Weil niemand merkt, wie wenig Kontrolle ich in diesem Moment wirklich habe.
Und danach – danach kommt das, was ich am wenigsten mag.
Die Stille. Die Erschöpfung. Das langsame Wiederkommen in sich selbst, so wie nach einer langen Krankheit. Und manchmal, nicht immer, aber manchmal: die Scham.
Die Geschichte meiner Wut
Das erste Mal, dass ich sie wirklich sah
Ich war neunundzwanzig. Ich war clean, seit einigen Jahren, hatte die Sucht hinter mir oder zumindest hinter mir gelassen, was nicht dasselbe ist. Julian war noch klein. Ich war in der Aufbauphase, wie ich das damals nannte, so als wäre das Leben ein Bauprojekt mit Zeitplan und Kostenvoranschlag.
Ich erinnere mich an einen Abend, an dem etwas schief gelaufen ist – ich erinnere mich nicht mehr genau was, das Detail hat sich aufgelöst, wie Träume sich auflösen – und ich erinnere mich, dass ich in der Küche stand und gemerkt habe, dass ich nicht mehr ich war. Dass da jemand in mir war, der älter war als ich, wütender, tiefer verletzt, und der jetzt die Kontrolle hatte.
Ich bin rausgegangen. Ich habe die Tür zugezogen, aber nicht zugeworfen. Ich bin durch den Abend gelaufen, bis meine Schuhe nass waren und meine Beine schwer, und irgendwann war die Person in mir wieder leiser.
Ich habe damals nicht verstanden, was passiert war. Ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Ich dachte, das sei ein Zeichen dafür, dass ich noch nicht weit genug war, noch nicht geheilt, noch nicht fertig.
Es hat viele Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass das keine Rückschritte waren. Dass das mein Erleben war. Und dass beides existieren darf.
Julian und die Wut, die ich nicht zeigen durfte
Als Julian gestorben ist – an seinem zwanzigsten Geburtstag, im Jahr 2018, nach einer Geschichte, die ich an anderen Stellen erzählt habe und die ich hier nicht in aller Ausführlichkeit erzählen werde – da war die Wut da.
Natürlich war sie da.
Aber die Gesellschaft um Trauernde herum hat merkwürdige Erwartungen. Man darf traurig sein. Man darf weinen. Man darf zusammenbrechen. Das wird verstanden, das wird aufgefangen, das bekommt Mitgefühl.
Aber Wut?
Wut erschreckt die Menschen.
Ich habe nach Julians Tod Wut gespürt, die so groß war, dass ich manchmal nicht wusste, wo ich sie lassen sollte. Wut auf das System, das ihn nicht geschützt hatte. Wut auf mich selbst, die ich hier nicht weiter ausführen werde, weil sie nicht in dieses Essay gehört, sondern in ein anderes, das ich vielleicht irgendwann schreibe. Wut auf die Gleichgültigkeit der Welt, die einfach weiterging, als wäre nichts passiert, als wäre mein Sohn nie da gewesen.
Und ich habe gelernt, diese Wut zu verstecken. Weil man mir, direkt und indirekt, beigebracht hatte, dass sie nicht passte. Dass sie stört. Dass ein trauernder Vater trauern soll, nicht rasen.
Das war, im Rückblick, einer der teuersten Fehler, die ich gemacht habe. Nicht weil die Wut irgendwo hingeführt hätte, wenn ich sie gezeigt hätte. Sondern weil das Verstecken einen Preis hat. Einen hohen. Den zahlt man nicht sofort, aber man zahlt ihn.
Der Kindergarten und das, was ich diesmal anders gemacht habe
Wer meinen letzten Essay gelesen hat – „Anatomie einer Farce" – weiß, wovon ich jetzt rede.
Es gibt eine Situation, die ich durchlebt habe, in der ich in der Kindergartenleitung saß und merkte, wie sich in mir das Feuer entzündete. Nicht sofort. Erst als Irritation, dann als Hitze, dann als das klare, harte Gefühl: hier passiert etwas, das nicht in Ordnung ist, und niemand außer mir sieht es, und ich werde wieder mal als der hysterische, traumatisierte Vater abgestempelt.
Ich war gut vorbereitet. Ich hatte ein Konzept mitgebracht, vier professionell gebundene Mappen, Stunden an Arbeit. Ich hatte ein inneres Skript: erst deeskalieren, dann Brücken bauen, dann Lösungen anbieten. Ich hatte die Verletzlichkeit als Werkzeug eingesetzt – hatte von Julian erzählt, um Empathie zu schaffen. Um zu sagen: Ich weiß, was auf dem Spiel steht. Ich bin nicht hier, um zu kämpfen.
Und dann hat die Leitung die Mappen nicht angenommen.
Physisch. Über den Tisch geschoben. Zurückgeschoben.
In diesem Moment – in diesem exakten Moment – habe ich die rote Wut gespürt. Nicht als Drama, nicht wie im Film, aber als das vertraute Zusammenziehen, das Enger-Werden des Blickfelds, das Anspannen.
Und diesmal – und das ist das Neue, das ist das, was sich verändert hat – diesmal habe ich sie nicht weggeschoben.
Ich habe sie gesehen.
Ich habe nicht gehandelt aus ihr heraus. Ich habe nicht die Mappen vom Tisch gerissen und bin gegangen. Ich habe nicht gesagt, was ich sagen wollte. Aber ich habe sie anerkannt. Innerlich, still, für mich allein: Da bist du wieder. Ich sehe dich.
Das klingt nach wenig. Es war alles.
Die falsche Lösung
Der Ansatz des Wegmachens
Ich habe viele Jahre meines Lebens damit verbracht, die rote Wut wegmachen zu wollen. Alkohol ist ein gutes Lösungsmittel. Besonders für rote Wut.
Das klingt vernünftig. Das klingt nach Selbstentwicklung, nach Arbeit an sich selbst, nach dem, was man in unserer Zeit von einem reflexiven, bewussten Menschen erwartet. Man arbeitet an sich. Man meditiert. Man atmet. Man lernt Techniken. Man macht Anti-Aggressions-Training oder Achtsamkeitskurse oder liest die richtigen Bücher.
Und dann – dann kommt der Moment. Und man merkt, dass man genau so tief drin ist wie vorher. Vielleicht sogar tiefer, weil man so lange gedacht hat, man sei schon weiter.
Die Psychologie hat für dieses Muster einen Begriff: den Rebound-Effekt. Was wir aktiv unterdrücken, kommt mit größerer Kraft zurück. Das Gehirn, das permanent checkt, ob der unerwünschte Gedanke oder das unerwünschte Gefühl noch da ist, hält es damit aktiv präsent. Wer nicht an einen rosa Elefanten denken soll, denkt an nichts anderes.
Ram Dass nannte es in einem Interview kurz vor seinem Tod:
Wer sich permanent auf das Nichtrauchen konzentriert, wer das innere zu kontrollieren versucht, wird am Nichttrauchen sterben.
Ich habe das so oft erlebt, dass ich es inzwischen körperlich erkenne. Diese Energie, die sich anstaut, weil ich ihr sage, sie soll nicht da sein. Diese Spannung, die sich über Tage aufbaut, bis irgendwann eine Kleinigkeit passiert – eine unbedachte Bemerkung, ein schief laufender Morgen, ein Kind, das genau jetzt nicht kooperiert – und dann entlädt sich das alles in einem Moment, der zur Auslösegröße völlig unangemessen ist.
Das ist nicht, wer ich bin. Oder besser: Das ist nicht, wer ich sein will. Aber es passiert. Und es passiert genau dann, wenn ich am längsten versucht habe, alles unter Kontrolle zu halten.
Das spirituelle Missverständnis
Es gibt noch ein anderes Problem mit dem Ansatz des Wegmachens, und das liegt in dem Bereich, der mir wichtig ist und über den ich bisher wenig geschrieben habe: die spirituelle Dimension.
Wer sich mit innerer Entwicklung beschäftigt – und ich tue das seit über 20 Jahren, nicht als Lifestyle-Thema, sondern weil es für mich kein anderes Weiterleben gab als eines, das auch nach innen geht – der läuft in eine bestimmte Falle.
Die Falle heißt: Spiritualität als Flucht.
Man liest von Bewusstsein, von Mitgefühl, von der Überwindung des Egos, von Zuständen der Stille und der Verbundenheit, die man manchmal kurz berührt, in der Meditation, im Spaziergang allein im Wald, in diesen seltenen Momenten, wo alles plötzlich klar ist und die Welt eine Schönheit hat, die einen fast umbringt vor lauter Gegenwärtigkeit.
Und dann kommt die Wut. Und man denkt: Das passt nicht zusammen. Das eine schließt das andere aus. Ein Mensch, der sich mit Bewusstsein und Transformation beschäftigt, darf nicht so wütend sein. Das ist ein Widerspruch. Das ist ein Zeichen dafür, dass man noch nicht weit genug ist.
Das ist falsch.
Ich glaube, nach vielem Nachdenken und nach vielen Gesprächen mit mir selbst und anderen, dass das Gegenteil wahr ist. Dass das Weite – das, was manche Christusbewusstsein nennen, und ich benutze diesen Begriff ohne Scheu, auch wenn er aus bestimmten Kontexten kommt, die nicht meine sind – dass dieses Weite nicht eine Zone der Abwesenheit von Emotion ist. Dass es ein Raum ist, der groß genug ist, alles zu halten. Auch das Feuer.
Die Sonne scheint auf die Blumen und auf den Müllhaufen. Ohne Unterschied. Ohne Urteil.
Wenn ich die Wut aus meiner inneren Landschaft ausschließe, bin ich nicht weiter. Ich bin kleiner.
Was ich stattdessen gelernt habe
Sehen statt Bekämpfen
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Erleben eines Gefühls und dem Beobachten eines Gefühls, der so fundamental ist, dass er sich nicht wirklich in Worte fassen lässt – aber ich versuche es trotzdem.
Wenn ich in der roten Wut bin und ich bin die Wut, dann handle ich aus ihr heraus. Dann bin ich das Feuer, und das Feuer entscheidet. Das ist der Zustand, den ich kenne aus den Momenten, die ich bereue.
Wenn ich in der roten Wut bin und ich sehe die Wut – wenn da, inmitten des Feuers, ein Anteil von mir ist, der beobachtet, der wahrnimmt, der sagt: da ist rote Wut im System – dann bin ich nicht mehr vollständig mitgerissen. Dann gibt es eine Lücke. Einen Spalt zwischen dem Impuls und der Reaktion, der, wenn er nur einen Moment breit ist, alles verändern kann.
Das ist keine Technik, die ich irgendwo gelernt habe. Das ist eine Praxis, die sich über Jahre entwickelt hat, so langsam, dass ich sie kaum bemerkt habe.
Sie fängt damit an, die Wut zu benennen. Nicht laut, nicht für andere, nur für sich selbst: Da ist gerade rote Wut. Das klingt banal. Es ist es nicht. In dem Moment, in dem ich sie benenne, nehme ich eine Position ein, die außerhalb von ihr ist. Ich bin nicht mehr identisch mit ihr. Ich bin jemand, der sie beobachtet.
Das reicht manchmal. Nicht immer. Manchmal ist die Welle zu groß für diesen Anker. Aber öfter, als ich erwartet hätte, reicht es.
Die Wut als Botschaft
Ich habe irgendwann aufgehört, die rote Wut als Feind zu betrachten, und angefangen, sie als Botschafter zu verstehen.
Das klingt spirituell überhöht, aber gemeint ist etwas Einfaches: Rote Wut entsteht nicht aus dem Nichts. Sie entsteht, weil etwas passiert ist, das nicht in Ordnung ist. Weil eine Grenze verletzt wurde. Weil eine Ungerechtigkeit stattgefunden hat, die ich vielleicht noch nicht in Worte fassen konnte. Weil ich in einer Situation bin, in der ich mich klein fühle und eigentlich groß sein müsste.
Die Wut kommt, um auf das hinzuweisen.
Wenn mein Sohn im Kindergarten als „Räuber" bezeichnet wird, und ich merke, wie sich das Feuer in mir entzündet – dann ist das Feuer nicht das Problem. Das Feuer zeigt mir: hier ist etwas, das nicht stimmt. Das Feuer hat recht. Egal ob alle aus meinem Umfeld das "nicht so schlimm finden" - Fuck you.
Das Problem ist, wenn ich aus dem Feuer handle, ohne nachgedacht zu haben. Wenn ich die Botschaft empfange und sofort antworte, ohne sie zuerst zu entschlüsseln. Wenn die Energie der Wut direkt in Handlung übergeht, ohne den Filter der Reflexion.
Was ich gelernt habe – und ich lerne es immer noch, das ist keine abgeschlossene Reise – ist, die Energie zu halten. Nicht loszulassen und nicht zu unterdrücken. Sondern zu halten. Für lange genug, bis ich verstehe, was sie mir sagt. Und dann zu entscheiden, was ich damit tue.
Das ist, im Grunde, was jeder gute Sozialarbeiter seinen Klienten beibringt. Und es ist das Schwierigste, was ich kenne, wenn es um mich selbst geht.
Das Paradoxon der Annahme
Hier kommt das Seltsame, das ich nicht erwartet hatte und das ich deshalb aufschreibe: Als ich aufgehört habe, die rote Wut wegmachen zu wollen, wurde sie ruhiger.
Nicht weg. Ruhiger.
Nicht kleiner. Sanfter.
Das Paradoxon der Annahme: Was ich aufhöre zu bekämpfen, hört auf, mich zu bekämpfen. Was ich einlade, anstatt es wegzujagen, verliert seine explosive Qualität. Denn die Explosion kommt zum Teil nicht aus der Wut selbst, sondern aus dem Druck, der sich durch das Unterdrücken aufgebaut hat.
Ich denke an meinen Sohn, den lebenden, meinen jüngsten und meine Tochter. Wenn sie etwas wollen und ich es ignoriere – wenn ich tue, als gäbe es das nicht – dann eskaliert es. Sie werden lauter, insistierender, verzweifelter. Weil sie nicht gehört werden.
Wenn ich mich hinsetze und sage: Ich höre Euch. Was braucht Ihr? – dann entspannt sich oft alles.
Die rote Wut ist ein Kind in mir, das gehört werden will.
Das klingt kitschig. Mir ist das egal. Es stimmt.
Zwischen dem Feuer und dem Frieden
Der Satz, den ich mir gegeben habe
In einem langen Gespräch über diese Themen – über die rote Wut, über Bewusstsein, über die Frage, wie Menschen zwischen Extremen pendeln – bin ich auf das Zitat von Sri Nisargadatta Maharaj gestoßen, das ich seitdem nicht loswerde.
„Wisdom tells me I am nothing. Love tells me I am everything. Between the two, my life flows."
Ich habe lange darüber nachgedacht, was das für mich bedeutet. Und ich habe angefangen, meine eigene Version davon zu formulieren. Nicht um weise zu klingen. Sondern weil ich gemerkt habe, dass Worte, die sich für mich stimmig anfühlen, eine andere Kraft haben als Worte, die ich von jemand anderem borge.
Meiner lautet so:
Wenn ich sehe, dass ich extrem wütend bin, ist das Weisheit.
Wenn ich sehe, dass ich unvorstellbar ruhig bin, ist das Liebe.
Zwischen diesen beiden bewegt sich mein Leben.
Das Entscheidende an diesem Satz ist das Wort sehe.
Nicht: Wenn ich extrem wütend bin. Nicht: Wenn ich unvorstellbar ruhig bin. Sondern: Wenn ich sehe, dass ich es bin.
Das Sehen ist die Transformation. Das Sehen bedeutet, dass da ein Anteil von mir ist, der nicht identisch mit dem Zustand ist, den er beobachtet. Das Sehen ist die Lücke zwischen Impuls und Reaktion. Das Sehen ist die Freiheit.
Viktor Frankl hat es in seinen Überlegungen zu den Erfahrungen im Konzentrationslager so formuliert, dass zwischen Reiz und Reaktion ein Raum liegt. Und in diesem Raum liegt die Fähigkeit des Menschen, zu wählen. Die rote Wut schrumpft diesen Raum auf fast null. Aber fast null ist nicht null. Wenn ich sehe, vergrößere ich ihn wieder.
Das Pendel und was es mir sagt
Ich schwinge zwischen Zuständen. Das tue ich. Das werde ich immer tun.
Es gibt Momente der Weite, der Verbundenheit, des tiefen Friedens – Momente, in denen ich durch einen sonnigen Morgen in Horgenzell gehe und merke, dass nichts fehlt, dass alles da ist, dass das Herz offen ist wie ein Fenster im Frühjahr. Und es gibt die rote Wut. Diese harte, heiße, enge Energie, die mich manchmal überfällt wie ein Gewitter, das man nicht kommen gesehen hat.
Ich habe lange geglaubt, das Ziel sei es, das Pendel auf der guten Seite festzuhalten. Spiritualität als Strategie zur Wutreduktion.
Inzwischen glaube ich, das ist die falsche Frage.
Das Pendel schwingt, weil ich lebe. Weil ich fühle. Weil mir Dinge wichtig sind. Weil ich nicht abgestumpft bin, trotz allem, was mich hätte abstumpfen können. Das Pendel zu stoppen wäre nicht Frieden. Das wäre Betäubung.
Die Frage ist nicht: Wie halte ich das Pendel still?
Die Frage ist: Wer ist derjenige, der das Pendel schaukeln sieht?
Wer beobachtet? Wer ist der Raum, in dem sowohl die Wut als auch der Frieden stattfindet?
Das ist keine mystische Frage für besondere Momente auf dem Meditationskissen. Das ist eine praktische Frage für den Alltag. Für den Moment in der Kindergartenleitung. Für den Abend, an dem der Morgen zu hart war. Für die vielen kleinen Reibungen des Lebens, die sich manchmal zu einem großen Feuer aufschichten.
Epilog: Der Mann im Spiegel
Ich stehe wieder vor dem Spiegel.
Das rote Gesicht, das mich anschaut, ist immer noch rot. Die Hände zittern immer noch leicht. Das Herz schlägt immer noch zu laut.
Aber diesmal ist da auch etwas anderes.
Eine Art Erkennung. Wie wenn man ein altes Foto von sich sieht und denkt: Ach, das warst du. Ich kenne dich.
Ich sage nichts. Ich atme. Ich lasse das Rot da sein, ohne es wegzujagen. Ich warte, bis es von selbst anfängt, sich aufzulösen – und ich weiß jetzt, dass es das tut. Nicht sofort. Nicht auf Befehl. Aber es tut es.
Und während ich da stehe, kommt mir der Gedanke, den ich schon öfter hatte und der immer wieder überrascht: Ich mag diesen Menschen. Auch den mit dem roten Gesicht. Auch den, der manchmal nicht weiß, wo er mit all dem hin soll. Auch den, der die Mappen über den Tisch schiebt und kämpfen will, auch wenn er weiß, dass es sinnlos ist.
Er hat einen Sohn verloren und macht weiter.
Er hat eine Sucht überwunden und macht weiter.
Er läuft gegen Wände und macht weiter.
Er hat Feuer in sich und macht trotzdem etwas damit, das wärmt statt verbrennt.
Das ist keine Heldengeschichte. Das ist das normale, schwierige, manchmal unerträgliche, manchmal unglaublich schöne Leben eines Menschen, der beschlossen hat, hinzuschauen.
Auch wenn er manchmal rot sieht.
Besonders dann.
Zwischen dem lodernden Brand und der stillen Weite bewegt sich mein Leben. Nicht als Pendel, das ich stoppen will. Sondern als Strom, dem ich lerne, zu vertrauen.
Marc Hasselbach ist Sozialarbeiter (B.A. Sozialpädagogik/Soziale Arbeit, M.A. Medien- & Bildungsmanagement) mit über 15 Jahren Berufserfahrung. Er ist Vater, Blogger und Podcaster. Dieser Text erscheint unter der Kategorie Menschliche Themen auf marchasselbach.wtf.